Sozialmedizin
Nepal hatte lange eine Bevölkerungsstruktur, die von großen Familienverbänden gekennzeichnet war. Damit konnten viele Probleme in der Familie aufgefangen werden, insbesondere Krankheiten, körperliche Einschränkungen und Behinderungen, psychische Erkrankungen, Krisen.
Seit einiger Zeit ändert sich das nun: Viele junge Menschen wandern aus, da die Lebensbedingungen in anderen Ländern deutlich besser sind, als in dem armen Nepal. Väter arbeiten nicht mehr auf den Feldern, sondern in Fabriken und Unternehmen in größeren Städten und in Nachbarländern. In manchen Familien fehlt die ganze mittlere Generation und die Großeltern sind mit ihren Enkel übrig geblieben. Oft fehlen dann auch noch die Enkel.
Die Konsequenzen für die Gesellschaft sind inzwischen offensichtlich: Die Armut nimmt zu und die Möglichkeit, Krisen und Krankheiten in einem Verbund abzupuffern, nimmt deutlich ab. Dies führt zu Vereinsamung, Depressionen, Hunger und Durst.
Wenn ein Familienmitglied im Krankenhaus behandelt werden musste und nun entlassen wird, kann man sich nicht mehr auf eine gesundmachende Umgebung verlassen, sondern entlässt den Patienten ins Ungewisse. Dies führt zu häufigen Wiedereinweisungen ins Krankenhaus, zu neuen Erkrankungen wie Stürzen bei Schwäche und so zu immer mehr Problemen.
Siedlungen in bitterster Armut, oft ohne Zugang zu sauberem Wasser - manchmal nur um die Ecke der größeren Städte
In dieser Situation benötigt Nepal dringend neue Versorgungsstrukturen, die medizinisch, aber auch sozialpolitisch etabliert werden müssen. Es gibt bisher keine großflächigen Bemühungen, hier eine Änderung herbeizuführen. Institutionalisierte Hilfe muss dann auch gesellschaftlich akzeptabel sein.
Im Bereich des Dhulikhel Hospitals besteht eine Abteilung für Community Based Medicine, die sich um die Versorgung der gefährdeten Patienten zuhause im Einzugsbereich des Krankenhauses kümmert. Unter der Leitung von Dr. Abha Shrestha geht ein Team in die armen Siedlungen, analysiert die Situation und den Bedarf an Versorgung. Abhilfe kann aber nur in sehr bescheidenem Rahmen geschaffen werden, da diese Arbeit sehr auf Unterstützung angewiesen ist. Die betroffenen Familien können nichts beitragen.
Mir ist zunächst aufgefallen, dass es im Krankenhaus keine Sozialarbeiter gibt, die für Europa selbstverständlich sind. Die Abteilung in Dhulikhel besteht aus Ärzten und Krankenpflegern, die fachliche Kompetenz der Sozialarbeiter fehlt.
Somit habe ich mit Dr. Sukrita Rai, der Leiterin der Abteilung soziale Arbeit der Tribhuvan Universität in Kathmandu Kontakt aufgenommen. Zusammen mit Dr. Abha Shrestha aus Dhulikhel haben wir eine Kooperation gegründet. Die Universität hat nun die Ausbildungspläne für den Studiengang Sozialarbeit um den Bereich Gesundheit erweitert und wird Studenten ins Krankenhaus entsenden. Dies wird der Abteilung im Krankenhaus mehr Mitarbeiter verschaffen, gleichzeitig werden die Studenten in diesem Bereich ausgebildet und stehen den Krankenhäusern Nepals dann zur Verfügung. Die Arbeitsstellen für ambulant arbeitende Sozialarbeiter gibt es bereits, sie werden von der Regierung finanziert, sind aber zuallermeist nicht besetzt.